Die Schmiede · Vom Rohling zur Klinge, Station 6 von 8

Schleifen: Der Grundschliff nach dem Härten

Flach, hohl oder ballig: wie du die gehärtete Klinge ausschleifst, welche Körnungen du brauchst und warum die Schneide dabei nicht zu heiß werden darf.

Stand:

Die Klinge ist gehärtet und angelassen. Aber sie sieht noch nicht aus wie ein Messer: Zunder auf der Oberfläche, eine dicke Schneide, vielleicht ein leichter Verzug. In dieser sechsten Station der Serie „Vom Rohling zur Klinge“ bekommt sie ihren Grundschliff. Es geht um Schliffarten, Bandschleifer und Handarbeit, die Körnungsfolge und die wichtigste Regel: Die Schneide darf beim Schleifen nicht zu heiß werden. Die Wärmebehandlung davor beschreiben die Stationen Härten und Anlassen.

Warum wird nach dem Härten noch geschliffen?

Vor dem Härten hast du die Fasen nur grob ausgearbeitet und die Schneide bewusst dick gelassen, damit sie sich beim Abschrecken nicht verzieht oder reißt (siehe Messer schmieden: der Einstieg). Jetzt kommt der Rest. Dazu kommt ein zweiter, weniger bekannter Grund.

Beim Erhitzen an der Luft bildet sich nicht nur Zunder. Die Oberfläche verliert auch Kohlenstoff, sie entkohlt. Larrin Thomas erklärt bei Knife Steel Nerds, dass diese Randschicht wegen des fehlenden Kohlenstoffs nicht hart wird. Liegt die Schneide später in dieser Schicht, bleibt sie weich und hält die Schärfe nicht. Für niedrig legierte Stähle, die unter etwa 870 °C gehärtet werden, ist die Schicht laut seinen Versuchen eher dünn. Wer nach dem Härten ohnehin Material abträgt, schleift sie mit weg.

Die Entkohlung kann übrigens einen beliebten Test täuschen. Viele Messermacher prüfen die Härte mit einer Feile, die auf gehärtetem Stahl abgleiten sollte. Greift die Feile, kann auch nur die weiche Randschicht schuld sein.

Welcher Schliff passt zu deinem Messer?

Der Schliff beschreibt den Querschnitt der Klinge von Rücken bis Schneide. Davon zu trennen ist die Schneidfase, also die schmale Fläche direkt an der Schneide, die erst beim Schärfen entsteht. Die englischsprachige Wikipedia betont diesen Unterschied im Artikel Grind: Fast jede Klinge hat unabhängig vom Schliff eine eigene, stumpfere Schneidfase.

Flachschliff

Die Flanken laufen gerade vom Rücken (oder von einer Linie darunter) bis zur Schneide. Am Bandschleifer entsteht der Flachschliff an der Planscheibe, von Hand auf Schleifpapier mit ebener Unterlage. Er ist leicht zu kontrollieren: Ein Lineal quer auf der Flanke zeigt sofort, ob sie gerade ist. Für das erste Messer ist er die naheliegende Wahl. Endet der Schliff deutlich unter dem Rücken, spricht man vom Säbelschliff, ohne zusätzliche Schneidfase vom Scandi-Schliff.

Hohlschliff

Die Flanken sind leicht nach innen gewölbt. Der Hohlschliff entsteht an der runden Kontaktrolle eines Bandschleifers, ihr Durchmesser bestimmt die Wölbung. Die Klinge wird hinter der Schneide sehr dünn und schneidet leicht, dafür ist die Schneide weniger stabil.

Balliger Schliff

Die Flanken sind leicht nach außen gewölbt. Hinter der Schneide bleibt mehr Stahl stehen, die Schneide ist dadurch robust. Verbreitet ist er bei Äxten und Outdoor-Messern. Am Bandschleifer entsteht er am frei laufenden Band ohne Auflage, von Hand auf Schleifpapier mit weicher Unterlage. Später auf dem flachen Stein nachzuschärfen verlangt etwas Übung, weil sich der Winkel über die Flanke ändert.

Bandschleifer oder Handarbeit?

Am Bandschleifer

Der Bandschleifer spart die meiste Zeit, gerade beim gehärteten Stahl. Was du bei der Maschine beachten kannst, steht in der Werkstatt-Grundausstattung. Für diese Station zählt vor allem eine Auflage oder Planscheibe, die die Klinge ruhig führt, und eine regelbare Bandgeschwindigkeit.

Hilfreich ist eine klare Grenze: Wo soll die Fase am Rücken enden, wie weit läuft sie zum Griff? Eine Linie mit Filzstift oder Anreißfarbe macht sichtbar, wo du schleifst. Eine Linie mittig auf der Schneidkante zeigt, ob du beide Seiten gleichmäßig abträgst. Arbeite deshalb im Wechsel links und rechts.

Von Hand

Ohne Maschine geht es auch, nur langsamer. Die Feile hilft nach dem Härten nicht mehr. Stattdessen spannst du Schleifpapier um einen harten, ebenen Klotz oder nutzt einen groben Schleifstein. Die Klinge liegt dabei fest auf einer Unterlage mit Anschlag. Je mehr Formarbeit du vor dem Härten erledigt hast, desto kürzer wird dieser Teil.

Welche Körnungen in welcher Reihenfolge?

Jede Körnung hat eine Aufgabe: Die grobe trägt Material ab, jede feinere entfernt die Kratzer der vorherigen. Schleifbänder und Schleifpapier tragen meist eine Angabe nach FEPA P. Laut der Körnungstabelle von Klingspor entsprechen diese Angaben ungefähr folgenden mittleren Korngrößen:

Körnung mittlere Korngröße typische Aufgabe
P120 rund 127 µm restliche Formarbeit nach dem Härten
P240 rund 58,5 µm Fasen ausarbeiten, Linien begradigen
P400 rund 35 µm Kratzer der groben Stufe entfernen
P600 rund 25,8 µm gleichmäßige Oberfläche
P1000 rund 18,3 µm feines Satinfinish, oft von Hand

Die Reihenfolge ist ein Faustwert, kein Rezept. Wie fein du gehst, hängt davon ab, wie die Klinge aussehen soll. Zwei Regeln helfen:

  • Keine großen Sprünge: Wer von P120 direkt auf P600 wechselt, braucht lange, um die tiefen Kratzer zu entfernen.
  • Richtung wechseln: Schleif jede Körnung im Winkel zur vorherigen. Solange du noch Kratzer in der alten Richtung siehst, bist du mit der Stufe nicht fertig.

Achtung beim Vergleich mit Schleifsteinen: Ein P1000-Papier ist deutlich gröber als ein japanischer 1.000er Stein. Der Körnungs-Umrechner zeigt die Unterschiede zwischen FEPA P, FEPA F, JIS und ANSI.

Wie heiß darf die Klinge beim Schleifen werden?

Beim Anlassen hast du die Klinge auf eine bestimmte Temperatur gebracht, für 1.2842 nennt das thyssenkrupp-Datenblatt zum Beispiel etwa 60 HRC nach dem Anlassen bei 200 °C. HRC ist die Härte auf der Rockwell-Skala. Mehr zur Sorte unter 1.2842.

Larrin Thomas beschreibt bei Knife Steel Nerds, was passiert, wenn der Stahl beim Schleifen heißer wird als beim Anlassen: Er lässt weiter an und wird weicher. Wird die Schneide extrem heiß, kann sie sogar neu härten und ist dann spröde, weil sie nicht angelassen ist. Er zitiert Messungen von Roman Landes an Klingen, die von Hand auf einem Band mit 220er Körnung geschliffen wurden: An der Schneide lag die Härte bis zu 5 HRC niedriger.

Warum die Schneide besonders gefährdet ist

An der Schneide steckt sehr wenig Stahl. Diese kleine Masse erhitzt sich viel schneller als der Rest der Klinge. Laut Knife Steel Nerds reicht es deshalb oft nicht, die Klinge mit bloßer Hand zu halten oder zwischendurch in Wasser zu tauchen. Die Wärme entsteht an der Schneide schneller, als das Wasser sie abführt.

Was hilft

  • Wasser bereitstellen: Ein Gefäß mit Wasser neben der Maschine kühlt den Klingenkörper. Tauch die Klinge oft ein, nicht erst, wenn sie heiß ist.
  • Wenig Druck, frische Bänder: Laut Knife Steel Nerds hängt die Wärme unter anderem von Schleifmittel, Anpressdruck und Geschwindigkeit ab.
  • Langsamer werden, je dünner die Klinge wird: Die Schneidenzone schleifst du mit niedriger Bandgeschwindigkeit oder ganz von Hand.
  • Auf Farben achten: Erscheinen an der Schneide Anlassfarben, also gelbliche bis blaue Verfärbungen, war sie heißer als beim Anlassen. Welche Farbe grob welcher Temperatur entspricht, zeigt der Glühfarben- und Anlassfarben-Rechner.

Und wenn es doch passiert ist?

Eine Verfärbung an der Schneide heißt: Dort ist der Stahl weicher geworden. Bleibt genug Material, schleifst du den verfärbten Bereich weg. Sonst hilft nur, die Wärmebehandlung zu wiederholen. Wie du die Anlasstemperatur für deinen Stahl findest, zeigt der Anlass-Rechner.

Wie dick bleibt die Schneide vor dem Schärfen?

Am Ende dieser Station ist die Klinge noch nicht scharf. Die Schneide hat eine schmale, gleichmäßige Dicke, die Schneidfase entsteht erst in der Station Schärfen. Wie dick sie sein sollte, hängt vom Messer ab.

Einen Anhaltspunkt liefert eine Versuchsreihe, die Knife Steel Nerds ausgewertet hat. Die Klingen wurden vor dem Schärfen auf eine Dicke von 0,25 mm oder 0,5 mm hinter der Schneide geschliffen. Die dünneren hielten die Schärfe im Test etwas länger. Deutlich stärker wirkte sich aber der Schärfwinkel aus. Daraus lässt sich als Faustwert ableiten: Küchenmesser eher dünn, robuste Outdoor-Messer etwas dicker. Eine sehr dünne Schneide hält harte Arbeit schlechter aus.

Prüfen kannst du die Dicke mit dem Messschieber an mehreren Punkten. Von vorn betrachtet zeigt ein gleichmäßig schmaler, heller Streifen eine gleichmäßige Schneide. Einen Grat schleifst du am Bandschleifer nicht an: Eine so dünne Kante überhitzt dort besonders leicht. Die Schärfe kommt von Hand auf dem Stein.

Schleifstaub, Funken und Lärm

Beim Trockenschleifen entsteht feiner Staub aus Stahl und Schleifmittel. Die DGUV Information „Schleifen“ nennt Nassschleifen und Absaugung an der Entstehungsstelle als erste Wahl. Reicht das nicht, sieht sie für Betriebe mindestens eine Atemschutzmaske der Klasse FFP2 vor. Für die Hobbywerkstatt heißt das: Absaugung, wo möglich, sonst eine gut sitzende FFP2-Maske, dazu eng anliegende Schutzbrille und Gehörschutz.

Funken und Holzstaub vertragen sich nicht. Schleifst du an derselben Maschine später Griffholz, entferne vorher den Metallstaub. Alles Weitere zu Funkenflug, Absaugung und Brandschutz steht in Sicherheit in der Werkstatt.

Wie geht es weiter?

Wenn die Klinge ihren Schliff hat, gerade ist und eine gleichmäßige Schneidendicke zeigt, ist sie bereit für den Griff. Kleb die Klinge vorher mit Malerkrepp ab: Das schützt die Oberfläche und deine Finger. Weiter geht es in Station 7, Griff. Den Winkel für die spätere Schneidfase kannst du schon jetzt mit dem Schleifwinkel-Rechner planen.

Häufige Fragen

Kann ich eine gehärtete Klinge noch mit der Feile bearbeiten?

Kaum. Eine Feile gleitet über richtig gehärteten Stahl fast wirkungslos ab. Nach dem Härten arbeitest du mit Schleifband, Schleifpapier auf einem ebenen Klotz oder einem groben Schleifstein. Die grobe Formarbeit gehört deshalb vor das Härten.

Reicht es, die Klinge zwischendurch in Wasser zu tauchen?

Für den Klingenkörper hilft es. An der dünnen Schneide reicht es laut Knife Steel Nerds oft nicht, weil sie sich innerhalb von Sekunden erhitzt. Schleif die Schneidenzone deshalb mit wenig Druck, scharfen Bändern und niedriger Bandgeschwindigkeit oder von Hand.

Welcher Schliff ist für das erste Messer am einfachsten?

Ein Flachschliff an der Planscheibe oder von Hand auf einer ebenen Unterlage. Er braucht keine besondere Schleifscheibe und lässt sich mit einem Lineal gut kontrollieren. Hohlschliff braucht eine Kontaktrolle, balliger Schliff etwas Übung.

Wie dünn schleife ich die Schneide vor dem Schärfen?

Dafür gibt es keinen festen Wert. In einer Versuchsreihe von Knife Steel Nerds lagen die Schneiden vor dem Schärfen bei 0,25 und 0,5 mm, die dünneren schnitten etwas länger. Als Faustwert gilt: Küchenmesser eher dünn, robuste Messer etwas dicker.

Quellen

  1. Knife Steel Nerds: Does Sharpening with a Grinder Ruin Your Edge?
  2. Knife Steel Nerds: Coatings vs Foil, Heat Treating Steel
  3. thyssenkrupp Materials Austria: TK 2842 Werkstoffdatenblatt Kaltarbeitsstahl 1.2842
  4. Knife Steel Nerds: Maximizing Edge Retention, What CATRA Reveals about the Optimum Edge
  5. Klingspor Abrasives: Grit grading systems (FEPA P und CAMI, Korngrößen in µm)
  6. DGUV Information 209-002 „Schleifen“ (Juni 2023)
  7. Wikipedia (englisch): Grind, Klingenschliffe im Überblick (ergänzend)

Recherche und Verantwortung: Nico Haller. Eigene Zusammenfassung auf Basis der genannten Quellen, kein eigener Produkttest.