Die Schmiede · Vom Rohling zur Klinge, Station 7 von 8
Der Griff: Bauart, Material und Oberfläche
Steckangel oder Vollerl, Holz, Micarta, G10 oder Horn: wie der Griff auf die Klinge kommt, wie Epoxid hält und warum Griffstaub ein eigenes Thema ist.
Stand:
Mit dem Grundschliff aus der Station Schleifen ist die Klinge fertig geformt, aber noch nicht scharf. Jetzt bekommt sie einen Griff. Der Griff entscheidet, wie das Messer in der Hand liegt, wie es ausbalanciert ist und wie gut es Nässe und Alltag übersteht. Diese siebte Station der Serie „Vom Rohling zur Klinge“ erklärt die beiden Grundbauarten, die gängigen Materialien, das Kleben mit Epoxid, das Vernieten und die Oberfläche. Ein eigener Abschnitt gilt dem Staub, denn beim Griffbau schleifst du andere Werkstoffe als bei der Klinge.
Bevor du anfängst: Kleb die Klinge vollständig mit Malerkrepp ab, in zwei Lagen. Das schützt deine Hände und die geschliffene Oberfläche.
Steckangel oder Vollerl: Welche Bauart passt?
Welche Bauart dein Messer bekommt, hast du schon beim Rohling oder beim Schmieden entschieden. Dort entstand die Angel, auch Erl genannt: der Teil der Klinge, der im Griff steckt.
Steckangel
Die Angel ist schmal und steckt in einem gebohrten Griffstück. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt im Artikel Erl (Klinge) die übliche Ausführung: Der ausgehöhlte Griff wird über die Angel gesteckt, der Zwischenraum mit Epoxid ausgegossen und das Ende verschraubt. Vorteile: Der Griff kann aus einem Stück bestehen, und von außen ist kein Stahl zu sehen. Nachteil: Die Bohrung muss sauber in der Achse liegen, sonst sitzt die Klinge schief.
Vollerl mit Griffschalen
Die Angel hat die volle Form des Griffs. Links und rechts werden Griffschalen aufgeklebt und mit Stiften gesichert. Die Wikipedia beschreibt diesen flachen Erl als sehr stabil, der Stahl läuft durch den ganzen Griff. Er ist für das erste Messer oft einfacher, weil du die Schalen flach aufliegend bearbeiten kannst. Die Löcher für die Stifte bohrst du vor dem Härten, in gehärteten Stahl kommst du mit normalen Bohrern kaum noch hinein.
Wie lang die Angel sein sollte und wie viel Stahl du dafür einplanst, rechnet der Materialbedarf-Rechner aus.
Welches Griffmaterial passt zu dir?
| Material | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Holz | warm in der Hand, gut zu bearbeiten, große Auswahl | arbeitet bei Nässe, braucht Pflege |
| stabilisiertes Holz | Holzoptik, deutlich formstabiler | teurer, Harzanteil beim Schleifen |
| Micarta | sehr formstabil, wasserfest, griffig | Staub beim Schleifen gesundheitsschädlich |
| G10 | sehr fest, nimmt kaum Feuchtigkeit auf | harter Staub aus Glasfaser und Harz |
| Horn | traditionell, schöne Oberfläche | Naturmaterial, Eigenschaften schwanken |
Holz
Holz ist der Klassiker. Für den Anfang eignet sich gut getrocknetes Hartholz. Ganz harmlos ist der Werkstoff beim Bearbeiten aber nicht: Laut DGUV Information 209-044 „Holzstaub“ sind die Stäube einiger Holzarten als krebserzeugend eingestuft, bei allen übrigen besteht ein Verdacht. Die Beispielliste nennt bei den krebserzeugenden Harthölzern unter anderem Buche, Eiche, Esche und Ebenholz. Als sensibilisierend, also allergieauslösend, führt sie unter anderem mehrere Palisanderarten, Cocobolo und Grenadill. Das sind beliebte Griffhölzer. Mehr dazu im Abschnitt zum Arbeitsschutz.
Stabilisiertes Holz
Beim Stabilisieren wird Holz unter Vakuum oder Druck mit einem Harz getränkt, das anschließend aushärtet. Die englischsprachige Wikipedia nennt im Artikel Wood stabilization Messergriffe als typisches Einsatzgebiet und beschreibt, dass vor allem weiche Hölzer dadurch deutlich härter und haltbarer werden. Stabilisiertes Holz nimmt weniger Wasser auf und arbeitet kaum noch. Es braucht kein Öl, eine Politur reicht.
Micarta und G10
Beide sind Verbundwerkstoffe aus Gewebe und Kunstharz. Micarta war ursprünglich ein Markenname und steht heute für Werkstoffe, bei denen Papier, Leinen oder ein anderer Trägerstoff mit Phenolharz getränkt wird (Wikipedia: Micarta). G10 besteht aus Glasgewebe in Epoxidharz, unter Druck und Hitze ausgehärtet (Wikipedia: G-10). Beide sind formstabil und unempfindlich gegen Wasser. Der Haken liegt beim Bearbeiten: Der Schleifstaub enthält Harz und bei G10 Glasfasern.
Horn
Horn besteht aus Keratin und anderen Proteinen und wird seit Jahrhunderten für Griffe und Griffschalen verwendet (Wikipedia: Horn). Es ist hart und lässt sich unter Wärme etwas verformen. Als Naturmaterial schwankt es stark in Qualität und Verhalten. Der französische Messerhersteller Forge de Laguiole beschreibt Horn als sehr empfindlich gegenüber Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit. Messer mit Horngriff sollen deshalb trocken und bei Raumtemperatur liegen (Forge de Laguiole, Pflegeanleitung). Wie Horn auf sehr trockene Luft reagiert, beschreibt die Anleitung nicht.
Wozu dient eine Zwinge?
Die Zwinge ist ein Abschluss aus Metall oder einem harten Werkstoff zwischen Klinge und Griff. Sie deckt den empfindlichen Übergang ab, an dem bei einem Holzgriff sonst Wasser in die Fuge zieht. Außerdem verlagert sie etwas Gewicht nach vorn und gibt dem Messer einen sauberen Abschluss. Bei einer Steckangel wird sie über die Angel geschoben und mitverklebt, bei einem Vollerl sitzen oft zwei Hälften links und rechts. Für das erste Messer ist eine Zwinge kein Muss. Wichtiger ist eine dichte Fuge.
Kleben mit Epoxid: Worauf kommt es an?
Zweikomponenten-Epoxid ist der übliche Kleber im Messerbau. Er füllt Spalten, haftet auf Holz und Stahl und ist ausgehärtet wasserfest. Was dabei zählt, fasst der Epoxidhersteller WEST SYSTEM in seinen Anleitungen zusammen.
Saubere, trockene, angeschliffene Flächen
Laut der Anleitung zur Oberflächenvorbereitung müssen Klebeflächen sauber, trocken und angeschliffen sein. Für Hartholz nennt der Hersteller Schleifen mit 80er Körnung, Stahl soll bis aufs blanke Metall geschliffen werden. Ölige Hölzer werden kurz vor dem Kleben mit Aceton abgewischt. Fass die vorbereiteten Flächen danach nicht mehr mit bloßen Fingern an, Hautfett stört die Haftung.
Dosierung und Mischung
Das Mischungsverhältnis steht auf der Packung und im technischen Merkblatt. Der Hersteller warnt ausdrücklich davor, es zu verändern, um die Aushärtezeit zu beeinflussen (Dosieren und Mischen). Gemischt wird mindestens eine Minute, dabei immer Rand und Boden des Bechers mit ausstreichen. Die DGUV Information 213-116 bestätigt: Am Rand schlecht gemischtes Harz härtet nicht aus.
Mischst du zu viel auf einmal, erwärmt sich das Harz im Becher selbst. Laut Herstellerangabe kann eine größere Menge so heiß werden, dass ein Kunststoffbecher schmilzt. Für einen Messergriff reicht eine kleine Menge.
Wie viel Pressdruck braucht die Klebung?
Beim Zusammenfügen soll etwas Kleber aus der Fuge treten. Das zeigt, dass beide Flächen benetzt sind. Zu viel Druck presst den Kleber vollständig heraus, die Fuge hungert aus (Bonding and Clamping). Überschüssiges Harz wischst du ab, solange es weich ist. Danach braucht die Klebung Ruhe: Wie lange, steht im Merkblatt deines Klebers und hängt stark von der Temperatur ab.
Hautschutz beim Kleben
Nicht ausgehärtetes Epoxid ist laut DGUV Information 213-116 „Tätigkeiten mit Epoxidharzsystemen“ einer der häufigsten Auslöser berufsbedingter allergischer Hauterkrankungen. Eine einmal erworbene Sensibilisierung bleibt lebenslang. Die DGUV hält fest, dass nicht alle Nitrilhandschuhe gegen Epoxid schützen. Achte deshalb auf Handschuhe, die der Hersteller für Epoxidharz ausweist, und wechsle sie nach Verschmutzung. Ausgehärtetes Epoxid gilt nach derselben Quelle in der Regel als unbedenklich.
Vernieten: Wie halten Stifte die Griffschalen?
Bei Griffschalen sichern Stifte die Verbindung mechanisch. Üblich sind Stifte aus Messing, Neusilber oder rostträgem Stahl, die durch die vorgebohrten Löcher in Angel und Schalen laufen. Die Löcher der Angel dienen als Schablone: Schale anlegen, durch die Angel bohren, dann passen die Löcher. Die Stifte setzt du mit Epoxid ein und schleifst sie danach bündig. Manche schlagen die Enden leicht breit, damit sie zusätzlich halten.
Form und Oberfläche
Die grobe Form arbeitest du mit Säge, Raspel und Feile aus, erst danach kommt Schleifpapier. Das spart Zeit und Staub: Die DGUV Information 202-078 „Holzstaub, Umgang und Vermeidung“ empfiehlt, Schleifen auf das nötige Maß zu beschränken und vorher exakt zu sägen und zu raspeln.
Öl oder Wachs?
Holzgriffe bekommen meist ein Öl, das in die Poren zieht und aushärtet. Darauf kann eine Schicht Wachs folgen, die die Oberfläche glättet. Mehrere dünne Schichten wirken besser als eine dicke. Wie du einen Holzgriff ölst und pflegst, erklärt der Artikel Holzgriffe ölen. Stabilisiertes Holz, Micarta und G10 brauchen kein Öl, hier reicht ein feiner Schliff oder eine Politur.
Ein Sicherheitshinweis zum Öl: Die DGUV Information 205-001 nennt mit Leinöl getränkte Lappen als mögliche Ursache für Selbstentzündung. Sie gehören in einen verschlossenen, nicht brennbaren Behälter oder werden ausgebreitet im Freien getrocknet.
Arbeitsschutz beim Schleifen von Holz und Kunstharz
Beim Griffbau entsteht anderer Staub als beim Stahl. Die DGUV Information 202-078 fasst die Gefahr durch Holzstaub knapp zusammen: „Feinstäube von einigen Hölzern sind als krebserzeugend eingestuft.“ Dazu kommen sensibilisierende Holzarten. Für Kunstharze schreibt die DGUV Information 213-116, dass Schleifstäube von ausgehärtetem Epoxid wie andere einatembare Stäube die Atemwege schädigen. Bereits sensibilisierte Menschen können auch darauf allergisch reagieren.
Was in der Hobbywerkstatt hilft:
- Absaugen: Handschleifer und Bandschleifer mit Absaugung betreiben, die für feinen Staub geeignet ist.
- Atemschutz: Wo Absaugung nicht reicht, eine Partikelmaske mindestens der Klasse FFP2, wie in der Station Schleifen beschrieben.
- Nicht pusten, nicht fegen: Die DGUV-Information 202-078 rät, Holzstaub nicht wegzublasen und ihn mit einem geeigneten Staubsauger statt mit dem Besen aufzunehmen.
- Metall und Holz trennen: Funken vom Stahlschleifen können Holzstaub in einer Absaugung entzünden. Reinige Maschine und Absaugung, bevor du vom Stahl zum Griff wechselst.
- Haut schützen: Bei sensibilisierenden Hölzern und frischem Epoxid lange Ärmel und passende Handschuhe.
Die allgemeinen Regeln zu Schutzbrille, Gehörschutz und Brandschutz stehen in Sicherheit in der Werkstatt.
Wie geht es weiter?
Wenn der Kleber ausgehärtet ist, die Oberfläche sitzt und das Krepp entfernt ist, fehlt nur noch eines: die Schneide. Darum geht es in der letzten Station, Schärfen.
Häufige Fragen
Welches Griffmaterial ist für Einsteiger am einfachsten?
Ein heimisches, gut getrocknetes Hartholz oder stabilisiertes Holz. Beide lassen sich mit Säge, Raspel und Feile gut bearbeiten. Micarta und G10 sind sehr robust, erzeugen beim Schleifen aber Staub, vor dem du dich besonders schützen solltest.
Reicht Epoxid allein, oder brauche ich Stifte?
Bei Griffschalen auf einem Vollerl kombinieren viele Kleber und Stifte. Der Kleber füllt die Fuge und dichtet ab, die Stifte halten die Schalen mechanisch, auch wenn die Klebung altert. Bei einer Steckangel trägt das Epoxid in der Bohrung, oft ergänzt durch eine Verschraubung am Griffende.
Darf ein Holzgriff in die Spülmaschine?
Nein. Hitze, Nässe und Reiniger setzen Holz und Klebefugen zu. Ein Holzgriff wird von Hand gespült, abgetrocknet und gelegentlich nachgeölt.
Quellen
- WEST SYSTEM: Epoxy Basics, Surface Preparation
- WEST SYSTEM: Epoxy Basics, Dispensing and Mixing
- WEST SYSTEM: Epoxy Basics, Bonding and Clamping
- WEST SYSTEM: Epoxy Basics, Epoxy Chemistry
- DGUV Information 213-116 „Tätigkeiten mit Epoxidharzsystemen“ (Oktober 2024)
- DGUV Information 209-044 „Holzstaub“ (Februar 2019)
- DGUV Information 202-078 „Holzstaub, Umgang und Vermeidung“ (Januar 2023)
- DGUV Information 205-001 „Betrieblicher Brandschutz in der Praxis“ (Dezember 2020)
- Wikipedia: Erl (Klinge) (ergänzend)
- Wikipedia: Micarta (ergänzend)
- Wikipedia (englisch): G-10 (material) (ergänzend)
- Wikipedia (englisch): Wood stabilization (ergänzend)
- Forge de Laguiole: Pflegeanleitung für Taschenmesser (Griffe aus Horn und Holz)
- Wikipedia (englisch): Horn (anatomy) (ergänzend)
Recherche und Verantwortung: Nico Haller. Eigene Zusammenfassung auf Basis der genannten Quellen, kein eigener Produkttest.

